Es war schlecht um ihn bestellt und da wunderte es auch nicht, dass er bald eine Nachricht von seinem Freund bekam: „Ich mach mir sorgen um dich.“, las er, bevor er die Nachricht am oberen Bildschirmrand wegwischte und weiter scrollte. Es gab genügend Gründe warum man sich um ihn hätte Sorgen machen sollen. Aber der Grund für die Sorgen dieses Freundes präsentierten sich in der nächsten Nachricht: „Ich hab gesehn dass du einen traurigen Insta Post geliked hast von we…“ Da er den Chat nicht öffnete war der Rest der Nachricht abgeschnitten. Er likte eigentlich keine Posts, denn er wollte nicht daran bewertet werden was ihm gefiel. Es kam ihn ja eh so schrecklich sinnlos vor. Doch da er gesehen worden war, wollte er sich vor erst nicht damit konfrontiert wissen. Zumal der Zeitpunkt ungünstig war. Gleich würde er zu seinem Termin berufen werden, für den er zu lange in einem engen stickigen Zimmer wartete. Außerdem konnte er sich gerade keine Antwort ausdenken, bei diesen Gegebenheiten also scrollte er weiter. Gerade rechtzeitig rief ihn der Therapeut, auf den er wartete, in sein Zimmer.
Das Gespräch war langweilig. Die Highlights würden sich, wenn jemand mitgeschrieben hätte, so lesen:
„Wie ist es Ihnen ergangen?“ „Gut, denke ich.“
„Sie haben also mehr unternommen? Haben in letzter Zeit ihre Freunde gesehen?“ „Ähm. Ja, schon.“ – Da der Therapeut seine Lügen einfach annahm und er kein Interesse daran hatte, unangenehme Wahrheiten auszusprechen (Unangenehm, denn er müsste ja tatsächlich ein Gespräch mit seinem Therapeuten führen, wenn er ehrlich wäre, aber eben deswegen tat er es nicht), ist nicht mehr von diesem Gespräch zu berichten. Der junge Mann selbst erinnerte sich sowieso später an nicht viel mehr. Zu seiner Verteidigung sei hier noch erwähnt, dass es Sommer und damit in dem Zimmer unerträglich heiß war – so wie fast überall in der Großstadt. Das Gespräch fand bald sein unerwähnenswertes Ende und unser junger Mann war bereits fast aus dem glühenden Zimmer entkommen, als ihm der Therapeut nochmal aufhielt: „Ah, eine letzte Sache noch.“ „Ja, was?“ „Ich möchte Ihnen noch von Sisyphos erzählen. Als Gedankenfutter. Vielleicht hilft Ihnen das, oder aber es lenkt Sie wenigstens ab.“ Es war beeindruckend, wie der Therapeut die Geschichte in wenige Sätze verpacken konnte Fast so beeindruckend, wie die Fähigkeit des Jungen vor der Haustür fast jedes Wort schon wieder vergessen zu haben. Einzig die Idee nächste Woche nicht mehr hinzugehen, war ihm von dieser Sitzung hängen geblieben.
Beinahe hätte er, da saß er bereits im Bus, die gesamten vier Therapiesitzung erfolgreich aus seinem Kopf entfernt und in den Sumpf der Kurzvideos verbannt, als ihm aus eben jenem folgendes entgegen stieg: Eine generierte Stimme warf ihm angeblich berühmte Zitate der Literaturgeschichte lieblos ins Gesicht. Der Algorithmus erinnerte ihn manchmal an dieses fast tote Interesse. Jedenfalls war darunter auch ein Satz, der behauptete man müsse sich Sisyphos glücklich vorstellen. Der junge Mann fand die Vorstellung natürlich absurd und scrollte weiter. Sogleich verlor sich der Name des französischen Autors wieder im Nebel seiner Gedanken, aber er musste eben aussteigen, sodass zumindest der Name Sisyphos ihm blieb.
So hatte er Zeit über ihn nachzudenken. Er kannte die Geschichte, noch aus für sein Gedächtnis sicheren Tagen und stellte sich so den einst gerissenen König vor, wie er seine Strafe antrat. Der junge Mann sah vor sich einen älteren, großgewachsenen Mann, der einen runden Felsen, der ihm etwa bis zur nackten Hüfte reichte, einen Hang hinauf wälzte. Es stellte sich die Aufgabe Sisyphos unerträglich vor, während er sich zu seiner eigenen Haustür schleppte. Noch während er in das Treppenhaus trat, fragte er sich, ob Sisyphos, wenn seine Strafe tatsächlich ewig wäre, gerade immer noch dabei wäre den Stein an den Gipfel zu rollen. Doch, bevor er eine Antwort fand, wurde er unterbrochen. Seine Nachbarin, eine alte Dame, stand mit vollen Papiertüten und forderte ihn freundlich, aber für ihn unabwendbar dazu auf, sie ihr in ihre Wohnung im dritten Stocks zu tragen. Er gehorchte natürlich, doch konnte er sich ihrem Smalltalk nur schwach mit einigen unsicheren „Jaja“s und „Echt?“s erwehren. Zur Strafe riss ihm auch noch eine der Papiertüten und er musste den Inhalt über alle vorherigen Stockwerke aufsammeln. Als er nun endlich wieder in seiner Erdgeschosswohnung ankam – er empfand sich als gestraft, weil er an seiner rettenden Wohnung mehrmals vorbeigehen musste – warf er sich in der Dunkelheit seiner Wohnung vor den Fernseher und schlief bald ein. Erst als er sich, von einem unbefriedigenden Schlaf aufwachend, in sein Bett schleppte, kehrten seine Gedanken zurück zu Sisyphos und der Frage, die er sich gestellt hatte.
Wieder sah er ihn. Sisyphos, der sich mit voller Kraft gegen den Felsen stemmte. Schweiß tropfte von seinem nackten Körper und seine Glieder zitterten. Er war schmutzig und hatte den Blick auf den Boden vor sich gerichtet. Viele Meter in der untergehenden Sonne standen noch zwischen Sisyphos und seinem Ziel, doch er war bereits am Ende. Sisyphos und sein Fels waren im Stillstand und bald würde er dem Drängen seines Felsen nachgeben müssen. Der junge Mann stellte sich vor, dass Sisyphos einen schnellen Schritt zur Seite machte, um nicht überrollt zu werden. Der Felsen rollte dafür an ihm vorbei und Sisyphos musste mitansehen, wie der Felsen im nebligen Tal verschwand. Unser junger Mann war sich sicher, dass es Sisyphos so ergehen musste, aber wie sollte er damit glücklich sein?
Selbst im goldenen Licht der Abendsonne und obwohl er seine Lebensaufgabe ausführte, konnte er sich Sisyphos nicht glücklich vorstellen. Das goldene Licht krönte ihn zwar mit seinen leuchtenden weisen Locken, aber er war kein König mehr. Auch wenn aus dem nebeligen Tal ein ähnlicher, kühler Wind entgegenkam, war er doch nicht mehr auf den heimischen Klippen von Korinth und das Meer war auch nicht mehr da. Seine großen Taten – die Geschichten seines Lebens, die seine großen Talente belegten – musste er bestimmt hunderte Male seinem Felsen erzählt haben. Seine Raffinesse, seine Kühnheit und seinen Stolz. Nicht mehr ist ihm davongeblieben als die Erinnerung daran.
Danach verlor sich die Vorstellung im Traum und als der junge Mann wieder erwachte, ging sie im Alltag verloren. Der Gedanke rückte in weite Ferne, als er sich auf den Weg zur Arbeit machte, und er blieb es auch, als er wieder zuhause war. Erst als er sich nach Stunden wieder aus seinem Handy herausreißen konnte und duschte, stieg Sisyphos wieder aus seinem Gedankennebel auf. Unser junger Mann setzte sich in sein Zimmer und versuchte seine Gedanken aufzuschreiben. Er war der Meinung, dass diese gedankliche Anstrengung, die er in Stücken leistete, es wert war aufgeschrieben zu werden. Doch zuerst wollte er wissen, wie es um Sisyphos tatsächlich stand.
Sisyphos kämpfte sich wieder aus dem Nebel im sumpfigen Tal. Wieder rannte Schweiß über seinen Körper, aber noch bewegte sich der Felsen vor ihm. In der Vorstellung des Jungen hatte Sisyphos sein Ziel schon lange nicht mehr erreicht. Er war in all der Zeit, die er seine Aufgabe nun schon ausführte, nicht nur körperlich schwächer geworden. Vor allem sein Geist und sein Mut hatte ihn verlassen. Die ersten hundert Male konnte er den Felsen noch unter Aufbringung der äußersten Kraft an die Spitze befördern, doch nach dem er einmal frühzeitig aufgab und es sich leicht machte, war es um ihn geschehen. Nie wieder schien er in der Lage die nötige Kraft aufzubringen – nur selten, wenn er bereits hunderte Male gescheitert war, gelang es ihm noch einmal aus Trotz den Felsen an die Spitze zu bringen.
Tatsächlich endgültig gebrochen war er, nachdem es aus einem Unglück heraus auch seine Knochen waren. Er wich dem Felsen nicht schnell genug aus und wurde überrollt. Sisyphos hatte viel Zeit, um nachzudenken, als er darauf wartete, dass die die Monate seine Wunden heilten. Immerhin das würden sie in diesem unfruchtbaren Land. Aber sollte er wieder zu langsam sein und der Fels würde auf ihm liegen bleiben, würde die Heilung ihn nicht mehr retten. Sie würde ihn an eine endlose Qual binden – den Verlust seiner letzten Freiheiten. Es würde nicht bald passieren. Dafür war die Warnung noch zu frisch. Aber es würde passieren, wenn er seine Strafe bis in alle Ewigkeit fortsetzt. Sein Schicksal stand fest. Er ging mit jedem neuen Versuch das Risiko ein. Selbst wenn er den Felsen wieder an den Gipfel bringen würde, würde ihm das nicht erlösen. Vermutlich nicht einmal nennenswert Aufschub gewähren. Er war sich dessen bewusst, als er wieder zum Stillstand kam.
Unser Freund hatte seine Geschichte nun zu Ende gedacht. Er schrieb sie aber nicht auf. Stattdessen starrte er seine Wand an. Unfähig zu verstehen, was er da zusammengedacht hatte. Er fand keinen Sinn in diesem Ende. Wie sollte er auch? Was gab es da noch zu verstehen? Er schrieb an diesem Abend nichts mehr auf. Stattdessen verließ er seine Wohnung und ging Spazieren. Vielleicht würde Wind und Sonne den neuen Nebel auflösen. Doch der Nebel löste sich nur von dem geistigen Boden und wurde dunkle Wolken, die ihn von nun an begleiteten. Es gab viele Gründe, warum man sich um ihn sorgen machen sollte. Aber wie für alle gilt: Am Ende wird nicht immer alles gut.